Transalp, meine fantastische Alpen Challenge 2017

Auf der Transalp die Überquerung des Timmelsjochs im Nebel

Beitrag von Kai-Michael Lilie

Ich habe so manche Träume auf dem Rad erleben können. So manche träume ich noch. Kai-Michael - Radfahrer & Blogger aus Leidenschaft.

19. September 2020

Warum Transalp?

Man sagt, der Norddeutsche liebe das Meer, die Nordsee oder Ostsee, oder beides, beides so nah. Ich aber sage, der norddeutsche Radfahrer sehnt sich nach den Bergen, die leider so fern sind.

Selbst der Harz, der aus meiner Sicht ein „halbrichtiger“ Berg ist, ist drei Autostunden von Hamburg entfernt. Keine „eben mal so“ Strecke. Von den „richtigen“ Bergen mal ganz zu schweigen. Was ist ein „richtiger“ Berg? Nach meiner Definition: 1.000 Höhenmeter plus. Am Stück. Und möglichst rüber über die Baumgrenze rein ins Hochalpine.

Fast immer dann, wenn ich von irgendwelchen Wochenendtouren in den Alpen etc. in den geschätzten Fachzeitschriften lese, bin ich gefrustet, da die Berge so weit weg sind. „Im Norden haben wir keine Berge, wir haben den Wind.“ Blödsinn! Wer richtig Berge gefahren ist, weiß, dass Höhenmeter nicht durch Wind ersetzt werden können. Ein echter Mustang hat halt auch einen V8 im Motorraum und keinen 4 Zylinder EcoBoost. Mit dem Geschriebenen möchte ich nicht den Wind oder den 4 Zylinder als solches schlecht machen. Jedes Ding hat seine Reize. Aber Berg, bleibt Berg.

Radsportgeschichte wurde und wird in den Bergen geschrieben, und nicht in der norddeutschen Tiefebene. Norddeutscher Radheld: Jan Ulrich. Wo hat er die Tour gegen Patani verloren? Genau, am Galibier, in den Alpen, nicht in der Ebene. Wo ist die Tour, der Giro, die Vuelta am spannendsten? Nicht auf den Überführungsetappen. Sondern im Gebirge. Epische Fluchten und totale Zusammenbrüche.

Radsportgeschichte wurde und wird in den Bergen geschrieben, und nicht in der norddeutschen Tiefebene. Norddeutscher Radheld: Jan Ulrich. Wo hat er die Tour gegen Patani verloren? Genau, am Galibier, in den Alpen, nicht in der Ebene. Wo ist die Tour, der Giro, die Vuelta am spannendsten? Nicht auf den Überführungsetappen. Sondern im Gebirge. Epische Fluchten und totale Zusammenbrüche.

Es ist halt in Norddeutschland nicht so einfach mit den Bergen. Weit weg = großer Aufwand, um überhaupt starten zu können. Aber, ich wollte die Berge zumindest einmal „erfahren“, und nicht immer nur lesen. Jahrelang trug ich also diesen Traum mit mir herum. Tour Transalp, das wäre was! Aber, ehrlich, mir war klar; Die Zeit und die Disziplin für eine vernünftige Vorbereitung hätte ich nie aufgebracht. Aber muss es immer gleich Wettkampf sein? Es geht doch um die Freude am Fahren (wobei der gemeine Radfahrer durchaus Leid als Freude erfahren kann). Kann man auch alleine haben. Braucht keine 150 km und 3.000 Höhenmeter und mehr mit Zeitnahme am Stück.

Zum fünfzigsten gab es eine Woche für eine Transalp ohne Familie als Geschenk. Cycle quality time. Keine Ausreden mehr und kein Wunschgeträume. Machen oder lassen. Mit fünfzig habe ich es tatsächlich noch über die Alpen geschafft. Und es war besser, als gedacht! Trotz Regen und Nebel! Oder vielleicht gerade deswegen? Dies ist meine Geschichte.


Vorbereitung

Neben der ungewohnten Kletterei ist die Anreise für die Plattdeutschen die erste große Herausforderung beim Höhenmeter sammeln.

Ich hatte das Glück, meinen Kumpel Kai zu überzeugen, mit mir gemeinsam die Sellarunde in Süd Tirol zu fahren. Also eine gemeinsam Anreise. Das spart Ressourcen und macht deutlich mehr Laune, als nach 8 bis 9 Stunden Anreise nach München alleine ein wenig im üblichen Stau nach Salzburg zu stehen. Da standen sie schon als ich Ende der Achtziger zwei Jahre am Starnberger See gelebt hatte, und Thomas Gottschalk noch als Radiomoderator beim Bayrischen Rundfunk am Anfang seiner Karriere stand.

Unglücklicherweise konnte ich Kai nicht überzeugen, mit mir nach der Sellaronda nordwärts über die Alpen zu ziehen. Das hatte andererseits den Vorteil, dass ich ganz alleine für mich gestellt, auf niemanden Rücksicht nehmend, meine persönliche Transalp planen konnte.

Am Ende hatte ich folgende Eckpunkte für mich ausgearbeitet:

  • Von Bozen nach Innsbruck
  • In vier Tagen
  • Über das Penser Joch, Jaufen Pass, Timmelsjoch und Kühtai Sattel nach Innsbruck
  • Mit dem Zug von Innsbruck nach München und von dort zurück nach Hamburg

Für mich war klar, dass ich als Fahrrad meinen Titanrenner von Van Nicholas nehmen würde. Als Übernachtungsmöglichkeiten wählte Hotels in den Zielorten aus. Die Vorauswahl fand über eines der großen Portale statt, die Buchung erledigte ich jedoch direkt. Dieses Vorgen hatte den Vorteil, dass ich Geld sparte, und die Hotels trotzdem mehr Geld in ihren Taschen hatten, da sie keine Gebühren abführen mussten.

Da ich in Hotels übernachten würde, konnte ich eine Menge an Zusatzequipment für die Übernachtungen einsparen. Schlafsack und andere Übernachtungsutensilien waren jetzt überflüssig. Trotzdem blieben genug Sachen übrig, die ich am Ende am Rad unterbringen musste.

Packed bicycle

Ich hatte vor, diverse Taschen von Revalate Design am Rad zu montieren: zwei Taschen auf dem Oberrohr, zwei kleine Taschen, wo später im wesentlichen Essen verschwand, am Lenker, eine Rahmentasche und eine Satteltasche. In diesen ganzen Taschen verschwand eine ganze Menge an Utensilien.

Ich wollte halbwegs zivil nach dem Fahrradfahren herumlaufen, also mussten zwei Unterhosen, ein T-Shirts und ein Paar Schuhe verpackt werden. Dazu eine leichte Skinfit Hose und eine Daumenjacke. Dann noch diverses elektronisches Equipment, Beleuchtung mit separatem Akku vorne und ohne hinten, Handy und kleine Outdoor Kamera (Panasonic Lumix) sowie Ladegerät und Powerbank. Dazu noch ein Notizbuch, Zahnbürste, und Zahnpasta.

Weiterhin mehrere Sachen „dual-use“: Zwei Merino Unterhemden, die ihre Geruchslosigkeit in einem mehrtägigem Testlauf bewiesen hatten, die leicht gefütterte Rapha Brevet Weste, eine Odlo Mütze. Extra für das Fahren kamen noch eine leichte Wind / Regenjacke von Endura sowie von gleicher Firma eine ¾ Regenhose „an Bord“.

Schließlich ein komplettes Ersatzklamottenset fürs Fahrradfahren: Zweites Trikot und Hose. Neben der Sonnenbrille auf der Nase führt die Fahrt, führte ich noch meine „normale“ für danach mit. Das ganze Geraffel kam zusammen mit dem Fahrrad in Kais Auto. Für unsere Zeit in Bozen vor der Sellarunde hatte ich noch ganz normale Sachen dabei, mit denen ich mich in der Stadt bewegte, und die Kai wieder mit zurücknahm.

Rain in June: Sellaronda 2017

Am Sonntag, 25. Juni 2017 unternahmen wir gemeinsam die arg verregnete Sellaronda. Nach der Runde brachte ich alle Taschen am Fahrrad unter und das Rad für den Alpencross präpariert, während Kai seine Sachen für die Rückfahrt zusammen räumte.. Letzter Check, Abstellen. Abschalten.


Erster Tag, Montag, 26. Juni 2017, Bozen – Penser Joch

Transalp, erster Tag die Strecke von Bozen zum Penser Joch
47,44 Kilometer 1.921 Höhenmeter

Am Montag ging es schließlich wieder für uns nach Norden. Ich auf dem Rad in mehreren Etappen über die Alpen. Kai im Auto in einem Rutsch nach Hamburg. Ich auf meinem voll bepackten Renner und Kai in seinem nun etwas leichterem Auto.

Zuvor ein paar Fotos von mir auf dem Rad. Kurze Verabschiedung von unserer Vermieterin und von Kai, kurz winke – winke, los hoch zum Penser Joch, auf dem ich das erste Mal übernachten wollte.

Los geht’s

Ich fuhr zunächst entlang der Talfer auf dem Fahrradweg, der mich auf die neu ausgebaute Staatsstraße 508 führte. Mit dem Passieren des Schloss‘ Runkelstein verließ ich Bozen. Danach ging es zum Teil durch recht lange Tunnelröhren, die es dem Auto und LKW Verkehr ermöglichte, flott voranzukommen.

Transalp, raus aus Bozen
Raus aus Bozen

Auch mich stellte dieser Teil der Strecke vor keine größere Herausforderung, der Asphalt war super, die Straße breit und die Tunnel sehr gut beleuchtet. Trotzdem empfand ich die Fahrt durch die Tunnel als äußerst unangenehm, insbesondere wenn sich LKWs von hinten näherten. Selbst wenn ich hunderte Meter von der Einfahrt in die Röhre entfernt fuhr, entstand bei Einfahrt eines LKW ein bedrohliches Geräusch, das immer mehr anschwoll, während es sich in einem Rücken auf mich zubewegte, bis der LKW endlich an mir vorbei war. Mit den PKW war es ähnlich, sodass ich jedes Mal froh war, wieder „draußen“ zu sein.

Einer der vielen modernen Tunnel

Später am Tag traf ich, nachdem ich die Tunnel hinter mir gelassen hatte, ein Brüderpaar aus Augsburg, die von dort kommend seit zwei Wochen in den Alpen unterwegs waren. Jetzt ging es für sie wieder Richtung Heimat. Die erzählten mir, dass die alte Straße entlang des Flusses noch benutzbar sei.

Entlang der Talfer

Von der hatte ich bereits gehört, und ich hatte auch versucht, den Eingang zu dieser aufgelassenen Strecke zu finden, allerdings ohne Erfolg. Die beiden hatten den Weg gefunden, und schwärmten ausgiebig von ihm. Die Tunnel seien zwar nicht mehr beleuchtet und entsprechend dunkel. Auch lägen immer wieder Steine im Weg, aber generell sei es ein cooles Ding. Ein gewisser Thrill auf dieser verlassenden, autofreien Strecke, die immer wieder an den Fluss zurückkehrte, das sei schon toll gewesen. Schade, dass ich das verpasst hatte.

Nach ca. zwei Stunden Fahrt machte meine erste Pause. Zuvor musste ich auf der alten Strecke den letzten der insgesamt 24 Tunnel umgehen, da er für Radfahrer gesperrt ist. Da gab es ein paar Spitzen in der Steigung, bei denen ich aus dem Sattel gehen musste. Dann kam noch einmal nach elfeinhalb Kilometer für dreieinhalb Kilometer ein anstrengendes Stück Strecke, wo ich knapp 250 Höhenmeter wegdrückte. Bis zur Pause hatte ich insgesamt auf ziemlich genau 15 Kilometern deutlich über 800 Höhenmeter überwunden.

Pause

Das Wasser plätscherte am Rastplatz und ich machte mich entspannt lang. Nachdem ich Bozen und die Tunnel hinter mir gelassen hatte, machte sich der jahrhundertelange Einfluss Österreichs im Sarntal bemerkbar. Die Straßenschilder verleugneten zwar nicht, dass ich nach wie vor in Italien war, aber die Kulturlandschaft, die Plakate und die Sprache sahen und hörten sich definitiv nicht italienisch an. Kamen wir in Bozen teilweise mit deutsch nicht weiter, so sprach nunmehr jeder deutsch und die Verständigung stellte keine Herausforderung mehr dar.

Entlang der Strecke

Nach der Pause kurbelte ich weiter. Das Wetter blieb an den ganzen Tag über angenehm warm. Es ging weiterhin stetig bergauf, zwei, drei Prozent alles easy. Nach knapp 39 Kilometern und knappen 1.400 Höhenmetern war allerdings Schluss mit lustig, und die Steigungsprozente zogen an, während der Baumbestand zurückging. Ich hatte jetzt einen guten Blick auf das, was mich noch erwartete. Die Kurve, in der die Staatsstraße die Talfer überquerte, gab den Startschuss für den „Endspurt“ hoch zum Joch.

Transalp, erster Tag, der Endspurt nach der Talfer
Endspurt

Das Penser Joch weist zum Schluss keine dramatisch gestapelten Serpentinen auf. Vielmehr verteilen sich die Höhenmeter auf längere Strecken bevor die beschriebene Kurve der Kletterei einen markanten Wechselpunkt verleiht. Nach 43km läutete eine lange Gerade das Finale ein, und ich musste auf den letzten vier Kilometer noch 400 Höhenmeter überwinden.

Der Einstieg in den Anstieg: Die Brücke über die Talfer
Die Gerade und den Pass im Blick

Oben auf dem Pass hatte ich mein Tagesziel erreicht, da ich auf der „Hütte“ übernachten würde. Das Zimmer war schlicht eingerichtet. Aber was wollte ich mehr, zum Schlafen optimal. Die Duschen befanden sich am Ende des Flurs. Bevor ich diese stark verschwitzt benutzte, machte mich die Wirtin kurz und knapp darauf aufmerksam, dass ich Wasser sparen müsse. Auf die Frage, wie lange ich denn Duschen dürfe, ließ sich mich dann allerdings ohne Antwort stehen. Also kurz gewundert und kurz geduscht, und danach mich in „zivil“ umgezogen.

Blick zurück
Der Pass Richtung Bozen

Anschließend ein paar Spatzen mit Tomatensoße verputzt und den Ausblick genossen. Es kamen noch ein paar Radfahrer vorbei. Zwei weitere übernachteten auch. Am meisten in Erinnerung geblieben ist mir allerdings das Gespräch mit einem österreichischen Paar, das mit ihrem Kleinkind im Wohnwagen unterwegs war. Das Ziel des Vaters war es während der Elternzeit alle 2.000+ Pässe in den Alpen zu fahren. Die drei fuhren später Richtung Bozen, während ich ncoh ein wenig umherwanderte, um die Gegend zu genießen.

Transalp: Blick vom Jaufenpass
Pornorama 1
Transalp: Blick vom Jaufen Pass
Pornorama 2

Abends wurde es sehr still, Fahrzeuge waren kaum unterwegs. Genauso hatte ich es mir vorgestellt. Früh ging ich ins Bett.

Heia für den Fahrer
Heia für das Fahrzeug


Zweiter Tag, Dienstag, 27. Juni 2017: Penser Joch – Sterzig – Jaufenpass – St. Leonhard

53,85 Kilometer 1.150 Höhenmeter

Abends fing das Wetter an, sich zu ändern, so wie es vorhergesagt war. Der Himmel war nicht mehr strahlend blau, es war diesig.

Morgens, kurz vor dem Start

Der Pass belohnte mich trotzdem mit einer tollen Abfahrt.

Ciau Passo Pennes!

Die Schwerkraft zog mich vierzehneinhalb Kilometer nach unten in den Ort Sterzig hinein. Ich bremste mehr als das ich kurbelte. Ich stieß durch die tief hängenden Wolken konzentriert den Berg hinunter. Das Tal blieb mir dabei in der Wolke verborgen. Irgendwann war ich jedoch durch, und auch der Himmel öffnete sich unten wieder ein wenig. Die Bebauung nahm zu, ich war wieder zurück in der Zivilisation.

Abwärts Richtung Sterzig

In Sterzig fuhr ich drei bis vier Kilometer mehr oder weniger flach, wobei ich der Brennerautobahn recht nahe kam. Mein Weg sollte mich jedoch an diesem Tag nicht auf die Autobahn führen, sondern weiter über den Jaufenpass nach St. Leonhard im Passeier führen.

Auf zum Jaufenpass

Von dem Tag ist mir wenig bleibend in Erinnerung geblieben. Ich empfand den Pass nicht spektakulär, eher eintönig. Auch bei quaeldich.de ist die Passauffahrt von Sterzig aus lediglich mit drei Landschaftspunkten bewertet. Die langen, gleichbleibenden Steigungen in diesigem Wetter, wo ab und zu mal die Sonne durch kam, langweilten mich.

Transalp: Auf dem Weg zum Jaufenpass
Richtung Jaufen

Als es interessant wurde, die Vegetation aufhörte, so knapp 100 Höhenmeter unterhalb des Passes, lag dieser in den Wolken. Da machte ich Pause. Irgendwie war ich platt, genervt und unmotiviert. Mein schlechtester Tag auf der Tour, obwohl vom Papier her es doch der leichteste war.

Transalp: Der Jaufenpass im Nebel
Unterhalb des Passes

Ich schaute mich um. Als die Suppe ein wenig aufriss, so meinte ich zu erkennen, wäre das Panorama gar nicht so schlecht. Vielleicht tue ich dem Anstieg aufgrund des wetter unrecht? Tja, nichts zu machen. Also weiter, den letzten Kilometer zu Passhöhe, bis wohin die Straße sich unspektakulär noch zweimal Hin und Her wand.

Der Passübergang lag komplett in den Wolken. Nichts zu sehen. Die letzten Meter hoch waren recht steil, 90 Meter waren an Höhe zu überwinden. Oben ein einfaches Restaurant mit einer Panorama Terrasse, die bei schönem Wetter sicherlich einen guten Blick angeboten hätte. Heute leider nicht.

Unspektakulär, verschwommen im Nebel, der Pass.

Also weiter, runter nach Richtung St. Leonhard, wo ich mir ein Hotelzimmer gebucht hatte.

Die Abfahrt in diese Richtung war die schönere Anfahrt des Passes. Auf den ersten zehn Kilometer verlor ich rund 700 Höhenmeter, die sich über sechs bis sieben Serpentinen hinab schlängelten. Kurz vor dem Ziel ging es nochmals über eine schöne Kurvenkombi 350 Höhenmeter auf fünf Kilometer abwärts.

Transalp: Blick in das Passeier Tal
Blick ins Passeier Tal

Das Hotel erreichte ich nach knappen vier Stunden. Es schlicht und einfach, und angenehm. Ich verdasselte den Rest des Tages mit Lesen, Glotze gucken und Telefonieren. Später habe ich mir kurz die Beine vertreten und den Ort angeschaut. Viel war nicht los, und Geschäfte auch bereits geschlossen, sodass ich schnell wieder im Hotel war.


Dritter Tag, Mittwoch, 28. Juni 2017: St. Leonhard – Timmelsjoch – Winklen

72,18 Kilometer 1.967 Höhenmeter

Nachdem wochenlang ein Hochdruckgebiet über den Alpen für Top Wetter gesorgt hatte, hatte sich dieses bereits am Sonntag deutlich verschlechtert. In den frühesten Morgenstunden des 25. Juni fing es bereits an in ganz Südtirol heftig zu regnet und zu gewittern. Nachmittags wurde es dann ein wenig besser. Am Montag auf dem Weg zum Penser Joch wieder tolles Wetter, Dienstag wieder deutlich schlechter, mit dem Ausblick, dass es am Mittwoch noch einmal richtig schlecht werden würde.

Unterwegs

So hielt ich mir ich Dienstagabend und Mittwochmorgen oft das Handy vor die Nase, um zu prüfen, wie sich das Wetter entwickeln sollte. Aber keine Maus biss den Faden ab, es würde ungemütlich werden. Irgendwann meinte ich, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen sei, wo ich weniger nass werden würde, und fuhr los. Das Wettervorhersagen nicht perfekt sind, musste ich dann allerdings recht schnell feststellen. Es goss aus Eimern. Und das am Tag der „Königsetappe“. Kurzzeitig stellte ich bei einer Tanke unter, aber schließlich fügte ich mich meinem Schicksal.

Also ging es im Regen weiter hoch. Im Gegensatz zum Vortag war die Landschaft deutlich abwechslungsreicher. Und irgendwie war es ja auch ganz cool, den Unbilden des Wetters zu trotzen.

Die ersten Serpentinen

Stetig schraubte ich mich dem Pass hinauf. Anfangs für die ersten acht Kilometer abgesehen vom Regen entspannt. Nach dem Ort Moos fangen die Serpentinen sich zeitweise schön übereinander zu stapeln. Jetzt fängt sich der Mischwald an, sich weiter auszudünnen. Ich hatte nunmehr in der Folge einen Blick auf das Tolle, was noch kommen würde. Oder ich blickte zurück, und sah die eben durchquerte Landschaft aus einem anderen Blickwinkel und was ich in der letzten Zeit geleistet hatte.

Auf dem Weg zum Joch durchquerte ich auch so einige Tunnel. Nach ungefähr achtzehn Kilometer tauchte der Gasthof Schönau vor mir auf. Gut für eine Pause, ich fuhr jedoch weiter. Jetzt hatte ich einen Blick auf eine beeindruckende Steilwand vor mir.

Das Beste noch vor mir

In die stieg ich ungefähr eineinhalb Kilometer später ein nach der Timmelsbach – Brücke ein mit etlichen Steilstücken und diversen Serpentinen. Anstrengend.

Die Timmelsbachbrücke

Später bleiben die Straßenabschnitte beeindruckend; scheinbar endlos sind sie übereinander geschachtelt. Zwischendurch röhrte ein Porsche die Straße entlang.

Kurven Lasagne

Irgendwann ging auf diesem Stück ging es in die Wolken. Die Sicht wurde immer schlechter. Ich kramte mein Rücklicht aus eine meiner Taschen und schaltete es an. Es waren doch ein paar Auto unterwegs, und ich wollte nicht von der Straße geräumt werden. Mit meiner weißen Regenjacke fügte ich mich perfekt in die weiße Suppe ein, und mit einem Radfahrer würde der gemeine Autofahrer unter diesen Umständen nicht unbedingt rechnen. Weiter ging ’s und die Sicht wurde dabei immer schlechter, die Suppe immer dicker.

Auf einmal war die Straße weg. jetzt hatte ich das Gefühl am Ende der Welt unterwegs zu sein. Kein Asphalt unter den Reifen, jedes Geräusch durch die Wolke verschluckt, nichts zu sehen. Schließlich eine rote Ampel vor mir. Suddenly, out of the white! What? Jetzt war ich wirklich buff! Das dort eine Ampel stand, merkte ich erst als ich an ihr vorbei fuhr. Ich dachte schon ich steht im Stau! Ich hatte an dem Tag mit vielem gerechnet, aber nicht, dass ich mit ein paar Autos mitten auf dem Berg im Nebel vor einer Ampel stehen würde! Schließlich fuhren alle an, und ich überquerte die Grenze nach Österreich.

Straße weg
Das Passschild

Hatte mich zuvor die Ampel überrascht, so überraschte mich jetzt eine Dame, die aus dem Nichts auftauchte. Das wird ja immer besser! Und die Dame sprach deutsch mit bairischen Akzent, und machte netterweise ein Foto von mir. Was ich denn hier oben machte, wollte sie wissen? Und ich erzählte ihr meine Story. Das alles irgendwie Knete ist, aber irgendwie doch richtig geil! Sie schüttelte den Kopf, und meinte, ihre Söhne seien genauso bescheuert!

Weiter ging’s zur Mautstelle, die ich ohne Kosten durch den Durchgang für Radfahrer durchrollte. Der Weg runter war zwar immer noch nass, und ich saute mich und das Rad durch das Spritzwasser richtig ein. Dafür war aber auf der österreichischen Seite deutlich weniger Wolke, sodass der Blick weit runter in die schöne hochalpine Lanschaft ging, war ich doch mit dem Pass auf über 2.500 Meter Höhe angekommen. Ich war begeistert, das hatte was.

Blick auf der österreichischen Seite nach unten
Und Blick nach oben

Jetzt rollte ich runter ins Oetztal nach Sölden. Jetzt würde die Schwerkraft einen Großteil meiner Anstrengungen übernehmen. Unten nach Sölden im Tal nahm ich einen Nebenweg parallel zur Hauptstraße, um mit einem moderaten Gefälle zum Hotel zu gelangen. Dabei verdreckte ich mich und das Rad noch einmal so richtig.

Auf den letzten Metern

Dort angekommen, checkte ich mich ein und ging auf mein sehr schönes Zimmer. Nachdem ich die komplett durchgeweichten Klamotten ausgezogen hatte, stellte ich mich erst einmal ein gefühlte halbe Stunde unter den heißen Strahl, um wieder Wärme in den Körper zu bekommen. Nach den Dusche ins Bett gehüpft und die Glotze für die Berieselung angeschaltet. Das Prickeln des Laktats in den Oberschenkel gefühlt. Toller Tag. Bester Tag der Tour. Abends runter in das Restaurant und den Kohlenhydratspeicher aufgefüllt. Telefoniert. Heia.

Kulinarische Belohnung

Vierter Tag, Donnerstag, 29. Juni 2017: Winklen – Kühtai – Innsbruck

68,48 Kilometer 1.363 Höhenmeter

Am vierten Tag nahm ich die Strecke von Winklen über den Kühtei Sattel nach Innsbruck in den Angriff. Zuvor wollte ich jedoch ein gravierendes Problem lösen, das sich durch den Regen und die Gischt auf der Straße im Laufe der letzten beiden Tage, und insbesondere am vorherigen Tag gebildet hatte: Ich konnte mich immer schlechter ausklicken. Die Schmierung meines Speedplay Mechanismus war so ausgewaschen, dass ich nur mit viel Kraft rauskam. Ich hatte die durchaus berechtigte Angst, irgendwann einfach stumpf umzufallen, weil immer weniger Schmiermittel und immer weniger Kraft im Laufe des Tages zu einem unangenehmen Ereignis führen würden. Das galt es zu verhindern. Also musste Schmiermittel her. Tante Google sagte mir, dass kurz nach dem Kreisel Richtung Kühtai Sattel in Oetz ein Fahrradladen war. Optimal, direkt auf dem Weg. Im Laden kann kein großes Gerede, sondern schnelle, professionelle Hilfe dank WD40. Danach, alles wie neu. Das Ein- und Ausklicken flutschte. Vielen Dank Bike – Oetz!

Vor Bike Oetz

Nachdem dieses Problem gelöst war, machte ich mich an die Kletterei des Tages. Nach dem Kreisel ging es auch gleich zur Sache. Zunächst noch durch die Ortschaft, dann tauchte ich in die unverbaute Bergwelt ein. Das Wetter war auch wieder besser geworden. Es machte Spaß.

Der Kreisel in Oetz, Einstieg zum Kühtai Sattel
Blick zurück auf Oetz

Der Anstieg war recht reizvoll. Entlang des Nederbachs stieg ich Wald und zahlreiche Serpentinen nach oben. Zwischendurch musste ich ganz gut beißen, in einigen längeren, steilen Passagen zeigte mein Garmin des öfteren 16% an.

Nederbach
Speicher Längental

Als ich später in Kühtai ankam, war ich jedoch entsetzt. es war vorbei mit der Beschaulichkeit. Dazu kein Passschild in der Betonwüste. Jedenfalls sah ich keins. Kein schöner Ort, also einfach weiter.

Nicht so schön: Kühtai

Die Abfahrt war allerdings klasse. Schönes, langgestrecktes Gefälle. Schön durch eine lange, sanfte Galerie ziehen.

Downhill

Später schön 16% abwärts. Ich kam gut auf Tempo. Das Überschreiten der Sechziger Geschwindigkeitsbeschränkung war keine Herausforderung für mich. Einmal wurde es dabei haarig: Als der Gendarm bei der Kontrolle der zu schnellen Motorräder, die mich überholt hatten, einen Schritt zurück auf die Fahrbahn ging. Hatte mich wohl nicht gehört. Zum Glück hatte ich schon genug Sicherheitsabstand eingeplant, und es kam kein Gegenverkehr. Vor Kühen und deren Hinterlassenschaften sollten man sich auch in Acht nehmen. Die können unverhofft einem schnell den Tag verderben.

Transalp: vom Kühtaisattel zum Inntal
Rampe abwärts.

Schließlich hatte mich nach 57 Kilometer die Zivilisation in Kematen wieder mit all ihren Herausforderungen. Welche Straße? Vorher gab es nur eine. Straße oder Radweg? Welche Straße genau? Gegenverkehr!

Im Inntal angekommen

Während im Hintergrund in den Alpen, wo ich herkam, ein Gewitter aufzog, musste ich mich zu meinem Hotel durch das Inntal nach Innsbruck vorkämpfen.

Blick zurück auf die Strecke

Dort angekommen, nahm ich mein Paket entgegen, das ich mir selbst zugeschickt hatte. Da war alles drin, was ich für die Rückfahrt brauchte: Eine vernünftige Hose und Hemd, ein dickes Schloss für die Bahn, und Lektüre für die Rückreise. Im Hotel war die Dame an der Rezeption so nett, mir ein schönes, ruhiges Zimmer zu geben, wo ich mich erst einmal lang machte. Nach einer kleinen Pause schaute ich mir die Olympiastadt Innsbruck an.

Die Inn und die Alpen
Entspannung in der Innenstadt

Fünfter Tag, Freitag 30. Juni 2017: Innsbruck – München – Hamburg

Abschiedsblick auf die Alpen

Nachdem ich die Nacht richtig gut verbracht hatte, machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof. Fahrradkarte hatte ich, brauchte ich also nur das Zugabteil, wo ich das Rad unterstellen konnte. Das empfinde ich immer wieder spannend. Nie weiß ich, wo sich im Zug dieser Teil befindet. Anfang, Mitte, Ende? Nun bin ich auch kein Profibahnfahrer, die wissen so etwas vielleicht. Die Antwort des Bahnsteigverantwortlichen der ÖBB war jedenfalls richtig: Vorne hinter der Lok. Dort guckte ich nach Einlauf des Zuges überrascht, da es kein Abteil für Fahrräder gab, sondern ein allgemeines Gepäckabteil. Um das Rad da hinein zu bekommen, musste ich es erst einmal einen Meter hoch wuchten. Da wurde es irgendwo verstaut. Ich mochte gar nicht hingucken.

Transalp: Der Bahnhof von Innsbruck
Warten auf den Zug nach München

In München wurde es spannend, den Zug nach Hamburg zu finden. Der Bahnhof war proppevoll. Aber das Gleis, wo der Zug nach Hamburg fahren sollte, hatte keinen Zug auf der Anzeige, und auch keinen im Gleis. Auch erschien der Zug nicht auf der großen Anzeigetafel. Äußerst unangenehm, zwar Fahrkarten, aber keinen Zug. Ich also zum Service getappert. Kein Zug, keine Anzeige. Aber es habe ein Unwetter gegeben, der Zug würde später kommen, aber an einem anderen Gleis. ok, ich also dahin. Wenig später rollt auch ein Zug ein, allerdings ohne Anzeige an den Wagen, wo es hingehen soll und in der falschen Wagenreihenfolge. Den Schaffner gefragt: „Ist das der Zug nach Hamburg?“ „Ja!“ „Warum steht nichts an den Wagen?“ „Es handelt sich um einen Ersatzzug!“ Aha! „Wo ist den das Abteil für die Fahrräder?“ „Ganz hinten!“ Also, ganz vorne, wenn der Zug wieder aus dem Kopfbahnhof rausfährt. Also hin zum Abteil. Da ich der erste dort war, Fahrrad anschließen, und Platz suchen. Was angeschlossen ist, kann nicht entfernt werden. Irgendwann fuhr der Zug los Richtung Hamburg.

Es blieb jedoch spannend. „Der Zug fährt aufgrund von Baumaßnahmen nicht durch bis zum Hauptbahnhof. Die Reisenden Richtung Hamburg werden gebeten, ihr Ziel mit der S-Bahn ab Hamburg-Harburg zu erreichen!“ Super, ich also mit meinem Rad und dem ganzen Geraffel, das richtign S-Bahngleis Richtung Hauptbahnhof suchen. Als ich es dann gefunden hatte, war die Bahn gerade weggefahren. in 20 Minuten kommt die nächste. Ich war begeistert. Schließlich ging es vom Hauptbahnhof mit der U Bahn Richtung Norden,  Es war mittlerweile halb zwölf, und die Jugend feierte bereits ins Wochenende hinein. Am Zielbahnhof noch einmal kurz aufs Rad, um die finalen Meter der Transalp nach Hause zurück zu legen.


Fazit

Der norddeutsche Radfahrer liebt die Berge. Und nein gegen den Wind zu fahren ist nicht mit über die Berge zu fahren gleich zu setzen. Und der Norddeutsche kann sie auch fahren: Fünf Tage (mit Sellarunde), Von 39,5° bis 11° Celsius, von acht Pässe, ziemlich genau 306 Kilometer, knapp über 8.000 Höhenmeter. Tolles Ding!


Links

Offizielle, allgemeine Infos zu Südtirol

https://www.suedtirol.info/de

Offizielle, allgemeine Infos zu Tirol

https://www.tirol.at/

Kultveranstaltung TOUR Transalp, mehrtägiges Etappenrennen für Jedermänner

https://tour-transalp.de/

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