Festive 500: 2020 – eine Abrechnung

Beitrag von Kai-Michael Lilie

Ich habe so manche Träume auf dem Rad erleben können. So manche träume ich noch. Kai-Michael - Radfahrer & Blogger aus Leidenschaft.

10. Januar 2021

Kälte. Nässe. Disziplin.

Nachdem Rapha zum zehnten Jubiläum 2020 den Kult Event hatte einschlafen lassen wollen, fand er 2021 dennoch zum elften Mal statt. Leider aus meiner Sicht gänzlich seines alten Nimbus‘ beraubt.


Aus alt mach‘ schlecht

Drei Änderung haben aus meiner Sicht als mehrfacher Teilnehmer den Mythos des alten, ursprünglichen Events zerstört: Indoor, Abzeichen, Leaderboard.

Mit dieser Aussage stehe ich nicht allein. Aber ich möchte nicht wiedergeben, was andere gesagt oder geschrieben haben, sondern ich möchte erzählen, wie ich das Festive 2020 erlebt habe, und was mich am neuen Format nachhaltig stört.

Die Idee des „alten“ Festive 500: Sei den Profis nahe, fühle mit ihnen, spüre, was sie durchmachen! Und das in einem Format, das für (fast) jede(r) machbar ist, aber nicht mal eben so.

Selbst der super austrainierte Profi braucht bei dem mindestens 500k langen Ritt durch Dunkelheit, Schummerlicht und in der Regel nur ab und zu mal Sonnenschein bei einem 40 km/h Stundenmittel zwölfeinhalb Stunden, um das Event erfolgreich abzuschließen. Nicht mal eben so! Wille, Biss, Disziplin, mentale Stärke, und das notwendige Quäntchen Glück. Das zeichnet den erfolgreichen Festive 500 Fahrer aus.

Festive 500: early in the morning
2020 eher die Ausnahme: Schönes Wetter

Damals, als die Idee zum Festive geboren wurde, gab es keine virtuellen Radwelt(en). 2009 fuhr der Rapha Designer Graeme Raeburn seine insgesamt +1.000 km zwischen Heilig Abend und Sylvester. Hieraus entstand 2010 das erste Festive 500 mit 94 Teilnehmern. 2021 waren es über 200.000. Wieviel durchkamen? Ich weiß es nicht. Erfährt man leider nicht mehr. 2020 waren es knapp unter 18.000, knapp ein Viertel aller Starter.

Festive 500, belastend für Material und den Menschen darauf

Zurück zum alten Festive: Das echte Leben fand damals draußen statt (und das ist meines Erachtens immer noch so!). Der Profi und jeder andere Radfahrer musste dort seine echten Kilometer sammeln, um seine Fitness zu verbessern oder um sie zu erhalten.

Und heute, bzw. 2020, dann: Du kannst auch drinnen Radfahren. Auch für das Festive 500!? Ja, auch dafür! Davor? Undenkbar! Und alle bekommen dafür dasselbe Abzeichen.

Und das Abzeichen selbst? Mittlerweile auch nur noch virtuell (aber eben für alle!), doch dazu später mehr.

10 Jahre lang wurde das Event zelebriert – draußen! Und jetzt profan, kann sich jeder auf die Rolle schwingen und loslegen? Keine Kälte? Kein Regen? Kein Schnee? Kein Matsch? Keine kalten Füße und Hände, die Dir nach 60 Minuten spätestens anfangen abzufallen?

Ist Festive 500 auf der Rolle, das „echte“ Festive? Nein, meines Erachten definitiv nicht! Die Rolle simuliert zum Glück nicht den Platten im Schnee, und den Biss, trotzdem weiterzufahren. Ein echter Flandrien wird man / frau nur draußen!

Eine Landschaft für echte, ehrliche Kilometer

Möchte ich mit dieser Aussage die Leistung der virtuellen Fahrer schmälern? Nein! Auch da sitze ich elend lange auf dem Rad und fahre! Hochachtung, Respekt, Chapeau! Trotzdem, ich bleibe dabei: Festive 500 = Kälte: Nässe. Disziplin. Wenn Festive 500 auf der Rolle, dann bitte „Festive 500 virtuell“! Geht auf Strava wahrscheinlich ganz einfach mit einer weiteren / anderen Zeile Code!


Das Abzeichen

Das Abzeichen zugesandt zu bekommen. Auf das Abzeichen zu warten. Das war Weihnachten nach Weihnachten inklusive Vorfreude und Bescherung, wenn ich das Ding endlich auspacken konnte!

Unbezahlbare, unbeschreibliche, kindliche Freude über ein kleines Stück Stoff.

Das Annähen der Anzeichen auf meinen Rapha Brevet Trikots: Meditativ! Das Tragen: Voller Stolz auf mich, und die anderen, die es ebenfalls geschafft haben! Respekt vor jedem, der es versucht hatte!

Ich bin Teil einer verfrorenen, äh verschworenen Gemeinschaft. Und jede/r kann Teil dieser werden. Ein wahrlich egalitäres Abzeichen, und ein ehrliches, echtes Bekenntnis zum ernsthaften Radsport! Jeder, der/die halbwegs fit war, konnte sich hier beweisen und es erwerben. Und jeder musste sich beweisen, siehe oben! Und jetzt: Das Abzeichen, der Proof „I did it!“: Eine einfache Bitfolge, die ich mir auf Strava angucken kann – wie profan, enttäuschend und armselig!


Let’s talk business

Machen wir uns nichts vor: Festive 500 ist ein Marketing Event. Rapha und ihre Partner wollen von uns unser Bestes: Daten und Geld. Dafür werden sie untereinander auch Ihre Deals haben. That’s business! Und das ist ok!

Rapha war die Marke, die das Marketing für ambitionierte Radfahrer auf einen neuen Level gehoben hat: Modisch, hochwertig, innovativ. Coole Ideen: Sponsorships, Club Rides, Cross, Grinduro, alternativer Rennkalender, Women 100.

Und die kultigste Aktion überhaupt: Festive 500!

Zigtausende Radsportler weltweit vereint in Ihrem Bemühen durch Anstrengung, Teil dieser Gemeinschaft zu werden. Mit dem Abzeichen als Club Karte. Mit dem Anerkenntnis und der Mühe von Rapha, diesen Spirit durch das Abzeichen zu dokumentieren.

Raphas Einsatz: Die Idee, die Promotion, Daten sammeln, Adressen pflegen, Abzeichen designen, Story generieren, Ergebnisse auswerten und verifizieren, Abzeichen sticken und anschließend überall hin auf diesem Globus zu den erfolgreichen Teilnehmer versenden. Das kostet Zeit und Geld! Emotions and effort! Tit for tat!

Festive 500: Oben ankommen, egal wie, aber mit Biss

Was ist davon übrig geblieben? Ein lieblos gezeichnetes, virtuelles Abzeichen! In Brauntönen! Das ist – ich formuliere es mal so – das ist, aus meiner Sicht, im wahrsten Sinne des Wortes: Billig!

Ich bin enttäuscht!

Lasst mich an den Kosten für das Abzeichen teilhaben, lasst mich gerne eine Summe x spenden! Lasst uns gemeinsam, was auf die Beine stellen! Was bleibt heute? Am Ende, die Chance auf ein Werbegeschenk von Canyon für zigtausende Teilnehmer. Das billige, virtuelle Abzeichen? Geschenkt!


Das Leaderboard

Das Leaderboard wird auch nicht mehr gezeigt. Und das war ja sogar in den Jahren zuvor programmiert worden. War da. War all die Jahre vorher auf Strava einsehbar. Warum eigentlich nicht mehr?

Ich jedenfalls, und viele andere auch, finde es spannend zu sehen, wie sich unsere Brüder und Schwestern im Geiste voran kämpfen. Jetzt weiß ich nicht einmal mehr, wie viel es überhaupt geschafft haben.

Meine vorherigen Blicke aufs Board: Staunen, Interesse, immer Respekt, nie Neid, nie Missgunst!

Ich hätte gerne mein Interesse und meine Neugier befriedigen wollen – wenn es mir denn möglich gewesen wäre: Was machen meine Kumpel? Welche Wahnsinnige fährt an einem Tag 500km? Boah, schon 200km! Ach, das hat Philipp heute gemacht! Was macht der Gernot? Was Frank! Wer fährt alles in Hamburg? Ach, in Algerien ist auch jemand dabei! Alles sehr spannend und inspirierend!

Und es wäre so einfach darstellbar gewesen! Wer nicht will, braucht ja nicht hinzuschauen! Gone!

Das alles oben Geschriebene, bei Strava und woanders von vielen kommuniziert. Reaktion von Rapha? Ich habe keine gesehen. Vielleicht habe ich es auch übersehen? Am Ende habe nicht einmal mehr auf eine gewartet. Marketing? Social Media Concept?

Highway to Festive 500

Was bleibt?

Das alte Festive 500 ist tot.

Ich fühle mich alleine in der virtuellen Strava Welt, unterwegs in meiner Blase. Abgeschnitten von der Community. Reduziert auf die teilweise vulgären Äußerungen anderer Teilnehmer auf Strava zu dem Thema „new five hundred“. Schade und unschön!

Wobei: Wenn ich zwischen dem 24.12. und 31.12.2020 draußen jemanden frühmorgens im Regen, im Schnee zwischen den Feiertagen auf einem Rad sah, wusste ich: Ich bin nicht allein, noch ein Bekloppter! Wahrscheinlich auch Festive 500!? Manchmal sogar ein Schnack. Schön!

Mein Belohnung dieses Jahr: Kein Badge / Rondell. Anerkenntnis meiner Kumpel, die wussten, dass ich teilnehme. Gegenseitiger Respekt und Freude, dass alle erfolgreich waren (na ja, einer auf der Rolle 😉 – virtuell, nix für ungut, Burschi)!

Für mich: Ein Le Col Trikot. Mitfinanziert über einen erradelten 50 Pfund Gutschein von Le Col durch eine Le Col Challenge, die parallel zum Festive 500 stattfand. Irgendwie fühlt es sich nicht richtig an.

Was bleibt? Schöne Erinnerungen an die Anstrengungen während vier cooler Events, und an einen, der sich selbst seiner Seele beraubt hat. What a pity!

Nächstes Jahr? Das Festive 500 ist tot. Zumindest für mich. Schade.

War cool! Ist es aber nicht mehr.


Links

Sehr geiles Video zum Festive 500

(1) Festive 500 – Sleepless in Seattle – YouTube

Raphas Story zu den Festive 500

#Festive500: Die halbierte Herausforderung | Website Rapha

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